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Wenn ich diese Tage deutsche Zeitungen aufschlage, fällt mir der enorme und wachsende Widerstand gegen die aktuell diskutierten Handelsabkommen auf, also gegen TTIP zwischen der EU und den Vereinigten Staaten und CETA zwischen der EU und Kanada. Gerade letztes Wochenende demonstrierten wieder hunderte Menschen in Deutschland gegen diese Abkommen.

Viele der vorgebrachten Kritikpunkte scheinen dabei mehr oder weniger explizit Ausdruck von Angst zu sein. Zum Beispiel Angst vor gen-manipuliertem Mais aus den USA, Angst davor, dass die deutsche Industrie und Landwirtschaft an Wettbewerbsfähigkeit einbüßt, Angst vor einer Aushöhlung bestehender Produkt-, Dienstleistungs- und Arbeitsstandards oder Angst davor, dass Arbeitsplätze daran glauben müssen, etc. Und vor allem lese ich immer wieder von der Angst vor einem Verlust an nationaler Unabhängigkeit oder vor zu starken Eingriffen in nationale Politik.

Aber in einer globalisierten Welt, in der Länder und Wirtschaften mehr und mehr vernetzt sind, wer könnte denn da überhaupt noch sicher sagen, ob einzelne nationale handels- oder industriepolitische Maßnahmen die heimischen Firmen fördern? Während sie zwar unmittelbar durchaus dazu gedacht sind, muss man wohl davon ausgehen, dass indirekt eher das Gegenteil eintritt, sie der heimischen Wirtschaft eher schaden und kontraproduktiv sind.

Warum ist das so? Weil wir nicht mehr in einer Welt leben, in der internationaler Handel bedeutete, in einem Land hergestellte Waren für den Endverbrauch in anderen Ländern zu exportieren. Nein, wie es Jenny an ihrem iPhone-Beispiel beschrieben hat: Heutzutage findet internationaler Handel in Form von globalen Wertschöpfungsketten (GVCs) statt. Bis ein iPhone auf den (virtuellen) Ladentisch kommt, reist es erst einmal von einem Land zum nächsten und jedes Mal kommt ein neues Teil dazu.

Was genau bedeutet das? Zuerst bedeutet internationaler Handel in globalen Wertschöpfungsketten, dass Exporte Importe brauchen. Graphik 1 zeigt das sehr schön am Beispiel der elektronischen & optischen Industrie, also der Branche, die Jennys iPhone-Geschichte am nächsten kommt: Im Jahr 2011, dem aktuellsten Jahr, für das es diese Daten gibt, basierten Exporte an elektronischen Geräten zu etwa 40 Prozent auf ausländischer Wertschöpfung, d.h. auf ausländischen Vorleistungen, die auf einzelnen Stufen des Produktionsprozess importiert wurden.


Graphik 1. Prozentanteil ausländischer Wertschöpfung am Brutto-Export – elektronische & optische Geräte

TiVA_Fig1

Anmerkung: Daten nach dem Anteil ausländischer Wertschöpfung im Jahr 2011 geordnet.

Quelle: OECD-WTO Trade in Value Added Database, Oktober 2015.


Der Anteil ist typischerweise kleiner in großen Exportnationen, allen voran den USA, in denen Unternehmen ohnehin auf ausreichend natürliche Ressourcen, Kapital, Infrastruktur und qualifizierte Arbeiter zurückgreifen und so spezielle Vorleistungen sozusagen „in-house“ herstellen können. Dagegen spezialisieren sich Unternehmen in kleineren Ländern auf die Waren und Dienstleistungen (oder Tätigkeiten), in denen sie am besten sind. Diese kaufen andere Inputs von anderswo ein und müssen dazu also nicht eigens Märkte oder Branchen entwickeln.

Seit 1995, dem ersten Jahr, für das es die Daten gibt, scheint sich die globale Verflechtung zu verstärken; im Durchschnitt über alle Länder steigt der Anteil ausländischer Wertschöpfung und die niedrigsten und höchsten Werte nähern sich an. Hier spielt wohl eine Rolle, dass immer mehr Unternehmen aus weniger entwickelten Ländern an globalen Wertschöpfungsketten teilnehmen. Sie bekommen so Zugang zu Netzwerken, Kapital, Technologie und Wissen und das Entwicklungsniveau in diesen Ländern steigt. Zudem gelingt es immer mehr Unternehmen aus aufstrebenden Ländern, allen voran China, mit Vorleistungen und Endprodukten auch in höherwertigen Märkten Fuß zu fassen.

Was die hier verwendeten TiVA-Daten der OECD und WTO so interessant macht, ist, dass sie den Anteil der importierten Vorleistungen an den Exporten in Wertschöpfungseinheiten berechnen und zwar entlang des gesamten Produktionsprozesses. Die Rechnungen basieren also nicht auf dem tatsächlichen Wert der importierten Vorleistung, sondern nur auf dem Teil, den ein bestimmter Zulieferer tatsächlich wertmäßig hinzufügt. Darüberhinaus betrachten sie dabei nicht nur die unmittelbar letzte Zulieferung, sondern die gesamte Produktions- oder Wertschöpfungskette.

Die Daten berechnen also letztendlich, wo was wann und mit welchem Wert produziert und genutzt wird. Damit können wir nun in Graphik 2 die zweite wesentliche Schlussfolgerung von internationalem Handel in GVCs darstellen: Waren überschreiten Grenzen mehrere Male – als Rohmaterialien, Vorleistungen und Endprodukte. Wertschöpfungsketten sind heutzutage in der Tat global.


Graphik 2. Prozentanteil ausländischer Wertschöpfung am Brutto-Export nach Herkunftsland – elektronische & optische Geräte

TiVA_Fig2a

Anmerkung: Daten nach dem Anteil ausländischer Wertschöpfung im Jahr 2011 geordnet.

Quelle: OECD-WTO Trade in Value Added Database, Oktober 2015.


Geographische Distanz spielt dabei immer noch eine große Rolle. Importierte Vorleistungen stammen wesentlich aus anderen Ländern der gleichen Region. So importieren europäische Unternehmen wesentlich aus Europa, Unternehmen in Japan und China wesentlich aus Ost- und Südostasien und kanadische Unternehmen wesentlich aus den USA.

Immer weiter fallende Handels-, Transport- und Kommunikationskosten ermöglichen es jedoch auch Vorleistungen aus Ländern außerhalb der Region zu importieren. Mit einer Ausnahme: europäische Unternehmen scheinen für Nicht-Europäer nicht sehr attraktive Handelspartner zu sein, weder als Zulieferer noch als Abnehmer. Und das scheint vor allem für die Europa-Nordamerika-Achse zu gelten.

Ich denke, diese Ergebnisse machen deutlich: die Zeit für Protektionismus ist eindeutig vorbei. Wenn Unternehmen darin unterstützt werden sollen, international wettbewerbsfähig zu sein, müssen Handelsbarrieren entlang der globalen Wertschöpfungskette abgebaut werden. Und dies kann am besten oder sogar nur über multilaterale Handelsabkommen erreicht werden.

Handelsbarrieren abzubauen bedeutet dabei jedoch nicht nur Zölle zu senken. Es bedeutet auch Dienstleistungsmärkte zu öffnen, administrative und regulatorische Hürden abzubauen und Unsicherheit zu reduzieren. Interessanterweise wollen TTIP und CETA gerade diese Aspekte ansprechen.

 


Quellen und mehr zum Thema

Eine sehr umfassende Studie, die auch wesentliche Quelle für diesen Post war:

OECD (2013), Interconnected economies, Paris, 2013.

Alles, was Sie über die OECD/WTO TiVA-Datenbank wissen müssen, also Datenquellen, Indikatoren, Messansatz, etc.

unter diesem link

 

Und hier noch ein paar links zu TTIP und CETA:

EU- info zu TTIP: http://ec.europa.eu/trade/policy/in-focus/ttip/

EU-Info zu CETA: http://ec.europa.eu/trade/policy/in-focus/ceta/

Und auf den Seiten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie:

http://www.bmwi.de/DE/Themen/Aussenwirtschaft/Freihandelsabkommen/ttip.html

http://www.bmwi.de/DE/Themen/Aussenwirtschaft/Freihandelsabkommen/ceta.html

 


 

Exporte brauchen Importe
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