Link-rechts-verkehrt - Left side's right

Kennen Sie das auch: Von einem Land mit Rechtsverkehr kommend bin ich gerade auf Sightseeing-Tour in London. Die Stadt ist wunderbar und ich bin überwältigt von der Vielzahl an neuen Eindrücken. In dem Moment jedoch, in dem ich den Fuß auf eine Straße setzen will, um diese zu überqueren, lese ich vor mir auf die Straße geschrieben: „Look right“.

Ich stutze. Zuerst komme ich mir vor wie ein kleines Kind, dem man nicht zutraut, eigenständig zu denken und zu handeln. Trotzdem schaue ich eher reflexartig nach rechts und realisiere, dass dort tatsächlich ein Auto mit ziemlicher Geschwindigkeit und hupend auf mich zukommt. Ich ziehe also schnell meinen Fuß zurück und warte das Auto ab, bevor ich die Straße überquere, erleichtert darüber, dass ich gerade einem Unfall entgehen konnte.

In London ist das wahrscheinlich eine alltägliche Situation. Gleichzeitig erzählt sie sehr viel über interkulturelle Kommunikation. Sie zeigt zunächst, dass es manchmal wichtig sein kann, die Perspektive zu wechseln und Dinge auch einmal von einer anderen Seite her zu betrachten, wenn man Missverständnisse, oder eben Unfälle, vermeiden will. Gerade im internationalen Kontext ist so ein Perspektivenwechsel nicht nur förderlich. Er kann auch ein entscheidender Schritt hin zu effektiver Kommunikation und einem harmonischen Miteinander sein.

Die Situation zeigt jedoch auch, dass das alles einfacher klingt, als es ist. Denn für uns ist es ja ganz natürlich oder normal, die Dinge so zu sehen, wie wir sie schon immer wahrgenommen haben. Wir sind es gewohnt, nach bestimmten Mustern zu denken und zu handeln, nach Gepflogenheiten oder Regeln, die sich im Laufe der Zeit für die Mitglieder unserer Kultur als gültig, richtig, selbstverständlich oder normal durchgesetzt haben. Viele dieser Regeln geben uns auch ein gewisses Maß an Sicherheit, wie unser Beispiel zeigt.

Nur sind wir uns dieser kulturellen Muster nicht bewusst und das macht die Verständigung zwischen Menschen aus unterschiedlichen Ländern oder Kulturen so schwierig. Ohne es zu merken, sind wir so sehr in den Denk- und Verhaltensmustern, den Regeln und Gepflogenheiten unserer Kultur verhaftet, dass wir uns gar nicht vorstellen können, dass man Dinge auch ganz anders wahrnehmen könnte. So lange, bis wir auf jemand treffen, die sich nicht daran hält, oder wir in ein Land kommen, in dem unsere Regeln nicht gelten.

So eben auch im Straßenverkehr: Als kleines Kind, das in Deutschland, also in einem Land mit Rechtsverkehr, aufgewachsen ist, wurde mir erklärt: „Wenn Du über die Straße gehen willst, dann schau immer zuerst nach links und dann nach rechts!“ Heute ist mir dieser Satz so sehr in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich gar nicht mehr darüber nachdenke. Ich bewege meinen Kopf automatisch zuerst nach links, wenn ich vorhabe, eine Straße zu überqueren.

Nur hilft mir dieser Automatismus in London leider gar nichts. Im Gegenteil, denn dort kann er sogar gefährlich sein. Und daher ist es vielleicht auch gar nicht so schlecht, dass man vor allem an größeren Kreuzungen daran erinnert wird, nach rechts zu schauen. Denn selbst so ein kleiner Perspektivenwechsel, also zuerst nach rechts anstatt nach links zu schauen, kann womöglich lebenswichtig sein.


 

Quellen und mehr zum Thema:

Die Idee mit dem Rechts- versus Linksverkehr kam mir, als ich in dem Buch von Dagmar Krumbier und Friedemann Schulz von Thun (2014), “Interkulturelle Kommunikation: Methoden, Modelle und Beispiele” las. Übrigens ein sehr lesenswertes Buch, auf das ich wohl für meinen Blog noch ein paar Mal zurückgreifen werde.

Das Foto: Auf dieses Schild stieß ich in Hong Kong. Wie auch London ist Hong Kong eine aufregende Stadt, in der man eben auch auf der linken Seite fährt.

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